Hanwag

Schuster, bleib’ bei Deinen Träumen!

 Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Sportschuh-Industrie hat sich Strafzölle auf günstiges Schuhwerk aus China und Vietnam wirklich nicht ausgedacht.

Die meisten Marken glauben an den freien Welthandel zum Vorteil ihrer Endkunden, Händler und von sich selbst auch. Erfolgreich hatte diese Industrie schon vor Jahren ein Privileg in Brüssel ausgehandelt, das athletische Schuhe von solchen protektionistischen Maßnahmen verschont. Unter diese sogenannte „STAF“-Klausel fallen allerdings nicht alle Sportschuhe, zum Beispiel nicht solche aus dem Outdoorbereich oder dem Modesektor. Nach Branchenschätzungen liegt der Anteil „nicht-athletischer“ Schuhe von Adidas, die unter eine „Anti-dumping-Regelung“ fallen, bei etwa 25%. Das ist ein Haufen Holz, denn die Marke verkauft viele Schuhe, die aus Fern-ost kommen, und deren Kalkulation unterliegt den heftigen Zöllen, die sich die Europäische Kommission in den letzten zwei Jahren so sehr zu Herzen genommen hat. Kein Wunder also, dass Adidas, Nike und andere in Zusammenarbeit mit Branchenverbänden wie Fesi oder die European Outdoor Group an einem Strang ziehen, um dem Brüsseler Alptraum von fortgesetzten Strafzöllen auf Schuhe ein Ende zu bereiten.

 
Länder gegen Zölle – Kommission dafür
Dabei haben die engagierten Marken und die Industrieverbände in diesen Tagen eine wichtige Hürde genommen. Die Mitgliedsstaaten der EU entschieden mehrheitlich, die Strafzölle mit Ende dieses Jahres dem Erdboden gleich zu machen – ihr Votum ist nicht bindend, und es gelang den EU-Ländern zuletzt nicht, die Europäische Kommission davon zu überzeugen, dass man den ganzen Unsinn nicht braucht. Aber auch sie hat nicht das letzte Wort; der finale Segen kommt vom Europäischen Ministerrat, der unmittelbar vor Weihnachten entscheiden wird. Und hier könnte der politische Schnürsenkel aus zwei Gründen reißen.
Erstens ist die protektionistische Lobby der tatsächlich in Europa produzierenden Marken sehr gut aufgestellt. Diese sollte außerhalb der Sportbranche vermutet werden und ist vornehmlich in Italien beheimatet. Es muss betont werden, dass die italienischen Sportschuh-Marken an dieser Stelle nicht verdächtigt werden sollten. Die große Trommel wird von den Straßenschuh-Anbietern geschlagen.
 
Willkommen zum europäischen Kuhhandel
Zweitens dreht sich die europäische Welt nicht um den Schuh allein. Grundsätzlich gibt es ja in der Sache keine Probleme, wenn sich Fachvertreter der Mitgliedsstaaten mehrheitlich auf ein Ende der „Anti-dumping-Regulierung“ einigen. Die Schwierigkeiten beginnen dort, wo ein fachliches Thema wie z.B. Schuhe in den Verhandlungsmixer gedreht wird mit sachfremden Themen, die den Mitgliedsländern am Herzen liegen. Mark Held von der EOG spricht von „horse trading“ und meint damit den berüchtigten Kuhhandel. Daher ist es nicht ausgeschlossen, dass kurz vor Weihnachten die Interessen der Sportschuh-Industrie mit den Belangen von deutschen Autoherstellern, spanischen Fischern, irischen Schafzüchtern und griechischen Olivenpflanzern abgewogen und letztlich unter den Tisch fallen. Kuhhandel eben.
Die Wurzeln des Konflikts liegen in einem verzweifelten Versuch von klassischen Schuhherstellern, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. China und Vietnam sind heute die Schuhfabriken dieser Erde. Traditionell starke Produktionsländer wie Italien, Spanien oder Portugal haben gnadenlos Markt­-anteile in der Produktion verloren – übrigens auch in den letzten Jahren eingebildeter Protektion durch die Einführung der Strafzölle. In Fernost mussten die großen Produktionsländer teilweise Marktanteile aufgrund der Regulierung an Länder wie Indonesien abgeben, die noch nicht auf der Fahndungsliste der Protektionisten niedergeschrieben waren. Das Wasser fließt und findet seinen Weg.
Gut, dass die Hersteller von Sportschuhen schon lange umgedacht haben, aber sie sind momentan ein wenig Opfer einer Politik, die von Ewig-Gestrigen in der Schuhbranche erfolgreich in Szene gesetzt wurde – zumindest für den Moment. Es hieß immer: Schuster, bleib‘ bei Deinem Leisten – sofern Du noch einen hast. Wenn Du Deine chinesischen Produktionspartner anrufen musst, weil Du Deinen Leis­ten dort vermutest, hast Du entweder ein Problem oder alles richtig gemacht. Anbieter von Sportschuhen, die nach wie vor in Europa produzieren, haben ganz gewiss ihre guten Gründe dafür und stören sich in aller Regel nicht an einem weltweit freien Handel mit solchen Produkten. Sie stellen sich dem Wettbewerb und machen das richtig so. Diese Schuster bleiben bei ihrem Leisten und nicht bei Träumen, die allmählich der Vergangenheit angehören – denen vom abgeschotteten Markt.
 
Markus Huber
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