Skiindustrie will nicht in die Steinzeit katapultiert werden
12.08.2011
Wien. In einer aktuellen Materialreform fordert die FIS längere, schmalere und weniger taillierte Riesen-Torlauf-Ski (RTL-Ski). Die österreichische Ski-Industrie prophezeit das „Ende des Carving-Ski“.
Entrüstung unter den Repräsentanten der österreichischen Ski-Industrie, als am 18. Juli 2011 das neue Reglement der FIS bekannt wurde. Nachdem sie sich erst laut über die Medien Luft gemacht haben, erhoben die Repräsentanten gemeinsam mit weiteren Mitgliedern der „Ski Racing Supplier Association" (SRS) am 20. Juli brieflich Einspruch. Unterzeichnende Absender sind die Unternehmen Fischer, Amer Sports, Head, Marker Völkl International, Nordica, Rossignol und Stöckli. Ihre Forderung laut Michael Schineis (Geschäftsführer der Atomic Austria GmbH sowie President Winter Sports Equipment von Amer Sports): „... neben der Sicherheit nicht auch die Attraktivität des Skisports zu vergessen ...". Der Sicherheitsaspekt sei auch der Ski-Industrie ein Anliegen, erklärt Schineis. Über den gesundheit-lichen Aspekt hinaus sei letztendlich auch das Sponsoring von Medaillenanwärtern fraglich, wenn diese vor Ende der Rennsaison verletzungsbedingt ausfallen. Das war im vergangenen Winter gleich bei drei Atomic-Pros der Fall: Benni Raich, Marcel Hirscher und Mario Scheiber. Jetzt wird Benni Raich von den Publikumsmedien als Befürworter der Materialreform dargestellt. Sein Credo: „Die Aggressivität aus dem Material nehmen." Wie die Ski-Indus-trie hinzufügt, seien allerdings nicht alle Profis dieser Meinung.
Wie die Abschaltung der Servo-Lenkung im Autobau
Schineis plädiert für eine weniger emotionale Diskussion, betont aber gleichzeitig die Berechtigung der Intervention. Schließlich werde sich die radikale Änderung der RTL-Ski auch auf den Konsumentenmarkt auswirken. Wie aus dem Brief der SkiIndustrie an die FIS hervorgeht, betrifft die Kritik ausschließlich die Disziplin Riesen-Torlauf. Die Änderungen seien nicht nachvollziehbar und bergen neues Risikopotenzial, weil das notwendige Testprocedere nicht vollständig durchlaufen worden sei – so die Argumentation. Auch wird auf das Risiko einer übereilten Materialreform hingewiesen, die dann weitere Nachbesserungen nach sich ziehen könnte.
Die zentrale Kritik gilt dem – im Fall des Herrenmodells – von bisher 27 m auf nunmehr 40 m vergrößerten Radius und der maximalen Breite von 95 mm im vorderen Bereich der RTL-Ski. Für Gerhard Wieser (Head of Alpine Division beim österreichischen Produzenten Fischer), ist diese Spezifikation unverständlich, da, so Wieser, die besten Testergebnisse bei einem Radius von 35 m erzielt worden seien. Zudem sei das Sicherheitsrisiko auch von den Faktoren Kurssetzung und Pistenpräparierung abhängig. Aber diese Faktoren stünden bei der FIS gar nicht zur Debatte. Grund für seinen Unmut ist nicht zuletzt der Fakt, dass das Reglement einseitig von der FIS entschieden worden sei. Für die Ski-Industrie geht es schließlich um viel: Der RTL-Ski der Spitzenathleten ist das Vorbild für den Topski der kommerziellen Kollektion. Wie Wieser anmerkt, seien die Auswirkungen des FIS-Reglements auf den Skimarkt noch nicht absehbar. Jedoch vergleicht er die Materialreform mit der Abschaffung der Servo-Lenkung im Autobau. Bei Fischer kann sich keiner vorstellen, dass der Konsument Gefallen am Ski einer vergangenen Ära finden wird.
Materialreform bis März 2012 kaum umsetzbar
Wenn die FIS nicht von dem Reglement abweicht, so könnte das für die Industrie teuer werden: In den National- und Nachwuchs-Teams, wären nach Ende der Weltcupsaison 2011/12 tausende Paar Ski auszutauschen. Auch sei die Entwicklung der Kollektion Winter 2012/13 bereits abgeschlossen. Die vorgesehene Umsetzung der Materialreform bis März 2012 sei also schon allein aus Zeitgründen nicht machbar.
Endgültig beschlossen werden die neuen Regeln beim Herbstkongress der FIS. Bis dahin wird verhandelt. Wie Ralf Eisenhut (Marketing Wintersport der Head Austria) erklärt, erwarte sich die Ski-Industrie von der FIS, „dass gewisse Dinge noch einmal überdacht werden". Und wenn es tatsächlich eine Materialreform gibt, dann solle diese auf jeden Fall stufenweise umgesetzt werden. su

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