Warm, leicht und straßentauglich
04.02.2010
Outdoorbekleidung ist Trend. Im Winter ist das alles andere als überraschend.
Denn Outdoorbekleidung hat vieles, was herkömmliche Mode nicht hat. Das geht von Langlebigkeit über Robustheit bis in die unzähligen Funktionen, deren Aktivitäten draußen bedürfen. Dass Outdoor aber auch modisch sein kann, und damit alltagstauglich geworden ist, ist ein Trend, der auch im Winter 2010/11 ungebrochen anhält.
Kommt die Krise mit einer Zeitverzögerung doch auf die Outdoorbranche zu oder nicht? Das ist die spannende Frage für den Bekleidungswinter 2010/11. Aber Bange machen gilt nicht: Der Optimismus in der Branche ist groß, weil allgemein angenommen wird, dass die Branche und ihre Kunden doch anders ticken als der Mainstream, der für Krisen anfälliger zu sein scheint. Outdoor ist eben keine Mode, sondern ein Lebensinhalt: Raus in die Natur, Entspannung durch Ruhe, sanfte Bewegung als Gesundheitsprophylaxe sind die Aspekte, auf die Handel und Industrie bei der Kundschaft unverändert setzen können. Dazu kommt allerorts die Überzeugung, dass in der Krise die Qualität und die Langlebigkeit der Produkte, in die der Verbraucher investiert, wieder mehr zählt. Und da sieht sich die Branche gewappnet. Und außerdem hofft man auf die viel kolportierte Meinung, dass die Branche stärker vom Wetter abhängt als von DAX oder Bruttoinlandsprodukt. So gesehen, kann der nächste gar Winter nicht kalt genug werden.
High-End für hoch hinaus
Die Luft wird nicht nur hoch in den Bergen dünner, sondern auch im Verkauf, wenn die Produkte bestimmte Preislagen übersteigen. Und ganz ehrlich: Die meisten Kunden sind funktionell völlig überausgerüstet. Dennoch investiert Jahr für Jahr die Industrie in die High-End-Kollektionen – und lebt damit gut. Das hat Gründe: High-End bringt nämlich Markenimage, und das Image ist angesichts von Materialgleichheit und der Unmöglichkeit, das Rad ein zweites Mal zu erfinden, ein wichtiges Kriterium, vielleicht sogar das entscheidende Moment bei der Kaufentscheidung. Viele Kunden sind ebenfalls bereit, für das Markenimage etwas tiefer in die Tasche zu greifen. „Qualität hat seinen Preis“ ist eine alte Weisheit – die auch heute noch stimmt.
Salewa ruft deshalb für den „AlpineXtrem Winter 2010/2011“ eine neue Kategorie aus der Taufe: „Free Ski Mountaineering“. „Kein Marketingwort“, „keine künstliche Nische“, sondern laut Salewa „die Quintessenz in der Geschichte des Alpinismus“.
Hoch hinaus will auch Schöffel mit dem „Ausbau der technisch-sportiven X-Trail-Kollektion für ambitionierte Bergsportler“. Zentrale Neuheit dieser Kollektion ist die „Rope Jacket“ aus „hochfunktionellem und robusten 3-Lagen Gore-Tex Pro Shell“, die in enger Zusammenarbeit mit den Extrembergsteigern Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits entwickelt wurde. Bleibt abzuwarten, ob Schöffel mit dem neuen Konzept erfolgreicher sein wird als mit der letzten High-End Kollektion „Schöffel Plus“, die sich leider als Eintagsfliege entpuppte. Zumindest die Berater Dujmovits und Kaltenbrunner wissen, was notwendig ist, um in dünner Luft vorwärts zu kommen: Viele kleine Schritte und ein langer Atem.
Auch die Engländer von Berghaus präsentieren für den kommenden Winter eine komplett überarbeitete Extrem-Kollektion. Da auch hier das Flagschiff eine Gore-Tex Pro Shell Stretch-Jacke ist, spielen Markenimage und technische Details die entscheidende Rolle.
Mit Details und Farbe will sich Norrøna im High-End-Markt profilieren. In den neuen „Trollveggen Jacket“ und „Trollveggen-Bib“ kommt der innovative wasser- und winddichte Aqua Seal Zipper von YKK zum Einsatz, und beim kunterbunten „Naabi-Overall“ werden, rekordverdächtige, 45 einzelne Gore-Tex-Stoffteile verarbeitet.
Bei der Wärme hört es mit den Kompromissen auf
Wärme ist natürlich ein wichtiges Winterthema und damit zentrales Element im klassischen 3-Lagen-Bekleidungs-system. Dabei spielt Leichtigkeit auch bei Produkten, die für fiese Minusgrade entwickelt werden, eine zunehmend wichtige Rolle.
Ganz neu präsentiert sich Westcomb auf der Ispo. Der kanadische Europa-Neuling möchte vor allem mit seiner Daunenkollektion punkten. Die „kompromisslose Lösung für hochalpine Wärmeisolation“ mit dem Modell „Kokanee Hoody“ oder der “Chilko Sweater“ für „extrem hoher Wärmeisolation“ haben mit einer 850 Fill „Power Hutterite“ Daune die feinste Daunenfüllung, die man sich wünsche kann.
Den synthetischen Kontrapunkt dazu setzt Patagonia mit dem Ausbau der Nano-Linie. Hier kommt die „Kunstdaune“ Primaloft zum Einsatz und sorgt für Wärme, niedriges Gewicht und Unempfindlichkeit gegenüber Nässe bei den Modellen „Nano Storm Jacket“, „Nano Puff Pullover“ und „Nano Puff Hoody“. Eine weitere Neuerung bei Patagonia: Die Überarbeitung der Fleece-Serie „Regulator“ und der „Capillene“-Kollektion, die für 2010 nicht nur leistungsfähiger hinsichtlich Dampfdurchlässigkeit und Nässeableitung werden, sondern dann auch zu 100% wieder verwertbar sein werden.
Einen ganz anderen Wärmeansatz verfolgt Columbia mit seiner „Omni-Heat“- Technologie, die TÜV-Süd-geprüft und nach Norm ASTM D 1518 zertifiziert ist. „Omni-Heat“ besteht aus drei Bausteinen: „Thermal Reflective“ mit auflaminierten, wärmereflektierenden Punktmustern, „Omni-Heat Thermal Insulated“, eine „Isolierungs-Technologie mit dem höchsten Grad Wärmespeicherung pro Gramm Gewicht“ sowie „Thermal Electric“ ein System, das „dem Verbraucher ermöglicht, zusätzliche Wärme per Knopfdruck zuzuschalten“.
Achtung, die Schafe sind los!
Auch natürliche Wärme spielt weiterhin eine wichtige Rolle im Winter 2010/11 und das Thema Merino beißt sich bei Outdoor-Bekleidung fest, statt als Trend wieder zu verschwinden. Icebreaker hat das Vlies vom Schaf zum Fleece für den Menschen verarbeitet und startet mit „Realfleece“ aus 100% Merino. Kuschelig warm positioniert Icebreaker das Material aus 320 g starkem Merinogewebe für Aktivitäten im „niedrig aeroben Bereich und für die Freizeit“. Für sportliche Performance zeigt Icebreaker das neue „GT Base Layer“, das erstmals 3% Lycra enthält, das die Verwendung besonders feiner Merino ermöglicht und mehr Beweglichkeit verspricht.
Zur sportlichen Leistungsfähigkeit haben sich die Schweizer von X-Bionic verschrieben. Mit Ihrer Range „Apani“ präsentieren sie nun auch eine komplette Kollektion, nachdem sie im Sommer mit markigen Sprüchen aufgefallen waren: Trekkinghosen aus Merino, Walkjanker und feine Hemden und Blusen. Die Linie ist so umfangreich wie die unterschiedlichen Wollverarbeitungen der Kollektion. Dabei sollen sie nur eines: „Unsere Innovationsführerschaft mit neuen Produkten zu stabilen Preisen demonstrieren“, so die Eidgenossen.
Gegen Schnee und Eis im Großstadtdschungel
Outdoor findet auch immer stärker im Alltag und in der City seine Daseinsberechtigung. Das zeigt sich an den „City-“, „Urban Lifestyle-“ oder „Functional Lifestyle“-Kollektionen.
Vaude zeigt deshalb auf der Ispo „leichte Daunenjacken für Berg und Stadt sowie vielseitige Winter-Soft-shells“, um verschiedene Lebenswelten zwischen Haustür und Arbeitsplatz in Einklang zu bringen. Dazu kommen noch modische Duffle Coats, lässige Cordjacken und Doppeljacken in Tweed-Optik – natürlich funktionell und aus Organic Cotton.
Fjällräven überrascht zum 50. Firmenjubiläum mit Retro, was bei der „jüngeren Generation wieder ganz angesagt“ sei. Neben dem Remake des legendären „Greenland Parkas“ und dem funktionellen Komplettset „Tur“ für Wintertrekking oder Schneeschuhtour, will Fjällräven auch „die zivilen Kunden ansprechen, die auch bei Alltagskleidung für die City nicht auf Funktion verzichten wollen.“ Aushängeschild sind hier der „Yupik Parka“ oder der robuste „Arktis Parka“.
Outdoorbekleidung lebt vom Facettenreichtum der jeweiligen Firmen und deren Herkunft. Das macht den Markt vielseitig, frisch und dennoch konstant. Hier kann der Kunde den schnelllebigen Mode-Effekt getrost ausblenden und sich auch in fünf Jahren noch mit der „alten“ Jacke auf der Straße sehen lassen. Vielleicht ist das neben dem Wetter und der Funktion auch ein Grund, warum Outdoor aller Voraussicht nach auch im kommenden Winter zu den Gewinnern zählen wird. mh



