Krise? Welche Krise?
04.08.2010
Das Outdoor-Business lebt den ungebremsten Optimismus.
Während andere über die Wirtschaftskrise stöhnen, gibt die Branche dem Markt für Funktionstextilien weitere Wachstumschancen. In allen Bekleidungskategorien ist Bewegung. Vielfältige Neuheiten, technologische Innovationen und Evolutionen werden auf der OutDoor in Friedrichshafen zu sehen sein. Ungebrochen sind die Anforderungen an Komfort, Lightweight und Nachhaltigkeit.
Optimismus wohin man schaut in der Outdoor-Branche: Die neuesten Zahlen aus der Marktforschung haben die Anzahl der aktiven Outdoor-Sportler in Deutschland deutlich nach oben revidiert. Man geht davon aus, dass derzeit etwa 39,8 Millonen Bundesbürger Wanderambitionen hegen. Bernd Wodarz sieht deshalb eine rosa Zukunft: „Outdoor ist ein anhaltender Megatrend. Die Entwicklung wird sicher noch über Jahrzehnte weitergehen", so der Verkaufsleiter Deutschland von Mammut.
Neben den reinen Zahlen sprechen noch weitere, weiche Faktoren für den Optimismus: Peter Schöffel, von der gleichnamigen Ski- und Outdoor-Marke, sieht in den klassischen Outdoor-Themen Freizeit, Wandern und Reisen „emotionale Sehnsuchtsthemen für weite Teile der Bevölkerung”. Deshalb ist er überzeugt: „Outdoor ist ein Grundsatztrend und keine kurzfristige Welle”, so der Schwabmünchner Mittelständler. Zudem mache Bekleidung, die neben schön auch noch funktionell sei, einfach mehr Sinn.
Lightweight weiter als Megatrend
Die Vorteile der leichten Ausrüstung sind evident: Wenig Gewicht bedeutet eindeutig mehr Komfort und eine potenziell höhere Schnelligkeit. Häufig wird auch mehr Sicherheit impliziert. Zumindest über das letztere Argument, ließe sich streiten. Je leichter ein Produkt ist, desto weniger Sicherheitsreserven bietet es – sei es bei der Robustheit oder der Wärmeleistung.
Als neu für 2011 mag deshalb gelten, dass die Langlebigkeit von Lightweight verstärkt nach vorne gerückt wird. Alex Koska, Deutschland-Chef von Fjällräven, sieht Lightweight einen „Mittelweg" einschlagen: „Leichte und gleichzeitig langlebige Produkte sind sicher das Optimum“, sagt Koska und sieht darin sogar eine Qualitätsverknüpfung. Auch Patagonia sieht, dass Lightweight-Produkte durchaus lange halten sollen und könnten. Und auch Schöffel findet, dass es das spannendste Innovationsthema für OutDoorbekleidung sei, „diesen Widerspruch immer mehr aufzulösen”. Auch Odlo findet unterdessen beim Thema Lightweight versus Langlebigkeit nicht mehr zwangsläufig einen Widerspruch. Dennoch warnt Odlos Deutschland-Geschäftsführer Philip Schröer: „Leichtigkeit darf aber kein Selbstzweck werden, sondern muss dem Konsumenten auch einen echten Nutzen bieten." Da ist auch Wodarz überzeugt, dass „leichtgewichtige Produkte auf jeden Fall immer robuster und langlebiger werden”.
Nachdem auf der vergangenen Wintermesse vor allem neue Membranhersteller im Mittelpunkt standen, sieht es so aus, dass für Sommer 2011 die arrivierten Marken mit Neuheiten nachziehen. Berghaus nutzt beim innovativen Mount Asgard Smock eine Gore-Tex-Membran, die leicht und robust ist, so dass die Bergsteiger taugliche 3-Lagen-Schlupfjacke unter 300 Gramm wiegt.
3-Lagen legt weiter zu
Toray präsentiert in Kooperation mit dem Partner Bergans of Norway eine neue 2,5-Lagenmembran. Bei dieser Membran könne man, so Christoph Centmayer, bei den Norwegern verantwortlich für Marketing, Kommunikation und Export, die Funktion sogar fühlen. Die „halbe Lage“ würde bei Nässe deutlich hervortreten und so einen Abstand zur Haut herstellen und ein Kleben der Membran an dieser verhindern. Bergans, der die neue Toray-Dermizax Membran noch exklusiv hat, setzt diese in einer Reihe leichter Jacken ein. Auch die Frauenmarke Wild Roses zeigt eine neue 3-Lagen-Kombi-nation aus Gore-Tex-Pro-Shell-Jacke und Überhose. Entscheidend ist hier nicht das Material, sondern die frauenspezifischen Schnitte und Details, von denen Frauen sonst nur träumen können. Vor allem das innovative „P-System“ erleichtert auf Expeditionen die Erledigung des kleinen und großen Geschäftes, ohne dass Klettergurt und Hose heruntergezogen werden müssen.
Fjällräven geht die 3-Lagen auf der OutDoor mit einem anderen Thema an. Mit „Eco Shell“ haben die Schweden eine neue wasserdichte und atmungsaktive Laminatslinie. Eco Shell beeindruckt durch vier Nachhaltigkeitsansprüche“, so Alex Koska. Die Laminate sind aus recyceltem Polyester, sie sind recyclebar, haben eine fluorcarbonfreie Ausrüstung und werden über einen Kompensationsausgleich klimaneutral hergestellt.
Softshells immer wichtiger
Schon im Winter hat es sich angekündigt: Softshells werden für Outdoor immer wichtiger. Einerseits als Allroundjacke bei Tagesaktivitäten, andererseits im Lagensystem. Entscheidend dabei ist die Frage: Ist es ein Softshell mit oder ohne winddichter Membran?
Odlo hat sich da festgelegt: „Ein Soft-shell sollte daher immer winddicht sein“, so Schröer. Mindestens, scheint man da ergänzen zu wollen. Odlo präsentiert nämlich mit der Focus-Jacke ein wasserdichtes Softshell aus 3L-Cubic Woven-Material sowie das winddichte Alpha Softshell aus 3L-Cubic Stretch.
Konträr dazu sieht Patagonia die Soft-shells. Besonders im Sommer sei eine Außenschicht, die gegen Wind und Regen schütze, aber in erster Linie sehr dampfdurchlässig ist, von Nöten.
Dass ein solch breites Spektrum einer Kategorie auch Gefahren birgt, erkennt man an dem Ruf nach Funktionalität aus dem Hause Adidas: „Wichtig ist aber auch eine funktionell ausgerichtete Produktphilosophie im Softshellbereich, damit die Funktion hier nicht aufgeweicht wird und plötzlich ,alles’ Softshell ist,“ so Marc Fischer von Adidas Outdoor.
Maier Sports sieht beim Softshell vor allem kommerzielle Preislagen und modische Varianten vorne. Auch im Kindersegment vermutet Gerhard Maier, Geschäftsführer von Maier Sports, noch „viele Möglichkeiten“.
Vielseitigkeit zum Drunterziehen
Odlo diagnostiziert noch vor Softshell einen „ganz klaren Trend in Richtung funktioneller Midlayer“, so Schröer. Für 2011 stellen die Schweizer deshalb funktionelle Shirts, Polos und Fleecepullis in den Messevordergrund. Weiche und leichte Qualitäten würden dabei besonders nachgefragt, weiß Schröer.
Patagonia zeigt ein neues Ultralight- Down-Shirt mit einem außergewöhnlichen Wärme-Gewichts-Verhältnis. Nur 159 Gramm bei Herren und 142 Gramm bei Frauen wird das Shirt wiegen. Im Kunstfaserbereich sind solche Gewichte nicht möglich. Die für 2011 neue 300 Gramm leichte Primaloft-Wendejacke von Wild Roses ist für eine Kunstfaserjacke dennoch erstaunlich leicht und hat Funktionsvorteile bei Nässe.
Auch in der Velocity-Linie hat Patagonia zugelegt. Das Men's Air Flow und Women’s Draft werden Patagonias „leichteste, dampfdurchlässigste Styles mit extrem kurzer Trockenzeit, gefertigt aus Recycling Polyester“, so die Amerikaner.
Auch bei der Unterwäsche gibt es eine neue Faser zu vermelden: Nach Merinowolle und Seide taucht für 2011 die bekannte, aber in der OutdoorBranche weitgehend vernachlässigte Angora-Wolle wieder auf. The Mobile Society bringt eine richtige Wohlfühlwäsche aus Angora, die mit den traditionellen Angoraleibchen so viel gemein hat wie ein Leberkäse-Brötchen mit Leber oder Käse.
Die neue Vielseitigkeit bei Wäsche, Funktionsshirts, Softshells und Hardshells zeigt dabei einmal mehr: Die Branche lebt optimistisch an der
Krise vorbei. Dass die Vielfalt in die Läden kommt und keine langweilige Uniformität vorherrscht, ist dann Aufgabe des Handels.
Markus Huber



