Hanwag

Der Untergang der Titanic ist auf Eis gelegt

Der Eisberg hat entschieden: Er will nicht mit der Titanic gemeinsam untergehen.

 

Karstadts Vermieter High-street hatte in letzter Sekunde ein Einsehen und lenkte in der strittigen Frage der Mietpreise für die Filialen ein.
Anders als in der schicksalhaften Nacht des 14. April 1912, als die Titanic es nicht schaffte, am Eisberg vorbeizurudern, paddelte in der Nacht vom 2. September 2010 der Eisberg Highstreet vorsichtshalber am Dickschiff Karstadt vorbei. Dies ist ein Verdienst des Kapitäns auf Zeit, Insolvenzverwalter Klaus-Hubert Görg, der Highstreet klar machte: Entweder Du ziehst mit oder ich versenke mein Schiff selbst – und Du gehst mit uns unter. Das hat gewirkt.
Nun ist ein neuer Offizier an Bord, und kein Mensch weiß, warum sich der schwerreiche Kapitän das ganze eigentlich antut. Statt auf einem Kahn mit Schlagseite auf der Ruhr anzuheuern, könnte Nicolas Berggruen doch eigentlich eleganter den Skipper auf einer Yacht an der Küste Kaliforniens geben. Das ist unterm Strich eine gute Nachricht für Karstadt: Der Mann muss das alles gar nicht machen, aber: Ja, er will es. Yes, he can? – Trotz aller Begeisterung für die Rettung des großen Einzelhändlers stecken hinter dem Deal jede Menge Fragezeichen. Der neue Käpt'n hat viel versprochen: Er will alle Filialen und alle Jobs behalten. Das hat natürlich der Politik, den Gewerkschaften und verständlicherweise der Crew sehr gut gefallen. Kann er diese Versprechen aber halten?
Berggruen ist ein erfolgreicher Unternehmer mit nicht allzu viel Erfahrung im Einzelhandel. Wohlweißlich holte er sich Max Azria als ersten Offizier, der die Segel setzen soll. Der Modedesigner hat offenbar viel Ahnung von Textil, Produktion und Einzelhandel – aber nicht so sehr von Deutschland. An deutschen Küsten sind schon richtig dicke Tanker zerschellt. Wal-Mart lässt grüßen. Berggruens Plan hat eine gewisse Logik: Er will gar keine Titanic mehr. Stattdessen plant er eine wohl organisierte Flotte. Die besteht aus einer Luxus-yacht (den mutmaßlich profitablen Warenhäusern wie KaDeWe in Berlin, Oberpollinger in München und dem Alsterhaus in Hamburg), einer Reihe von potenziellen Schnellbooten (den Sporthäusern) und den restlichen Fregatten (den Warenhäusern), die mit unterschiedlicher Performance vor sich hin tuckern. Diese Organisation hat ihren Charme, lässt aber zwei wesentliche Fragen offen: Erstens interessieren sich vor allem Lieferanten dafür, wie Karstadt seinen Einkauf organisiert, wenn Sporthäuser und Sportabteilungen in Warenhäusern getrennt marschieren. Zweitens legt die Spaltung eines Konzerns in unterschiedliche operative Einheiten den Verdacht nahe, dass das eine oder andere zum Verkauf stünde. Das Szenario: Die Sporthäuser gehen an Otto, der damit Sport Scheck definitiv zum größten spezialisierten Sporthändler im Lande macht, die Warenhäuser werden an die Metro mit ihrem Kaufhof vertickt und die Premiumhäuser gehen an eine noch zu organisierende europäische Allianz von Super-Kaufhäusern, die ständig diskutiert wird. Dieses Modell ist nur eines von mehreren, aber wenn das so eintritt, wird Berggruens Versprechen, alle Filialen und Mitarbeiter zu halten, sich in Luft auflösen. Admiral Berggruen muss sich entscheiden: Ist er der Kapitän auf der Brücke des Tankers, der Organisator einer schlagkräftigen Flotte – oder der Pirat der Karibik, der einen fetten Schatz hebt? Seemanns Heil!

Markus Huber

 

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